Rubrik: Allet ohne "Substanz"

"Ich bin Julian Stöckel, ich bin Schauspieler und Künstleragent. Ich habe heute ganz viel eigens für mich designte Sachen an: ich habe einen Zylinder, den mir eine Hutdesignerin gemacht hat und Schmuck den mir eine Schmuckdesignerin gemacht hat und ansonsten einen Mix von H&M, Lagerfeld und Dolce&Gabbana und Patrick Hellmann. Also ich kombiniere Casual mit Designern..." - "Wie lange hast Du darüber nachgedacht was Du anziehst?" - "Das weiß ich. Ich sehe in meinen Schrank und dann weiß ich was in kombiniere und was ich trage".

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Tja, dieses Einstiegsinterview bei Berlinfashion.tv zum Streetstyle auf der FashionWeek, hat nicht nur bei mir sehr gemischte Gefühle ausgelöst. Zwischen Belustigung über Mitleid bis hin zu Aggression war wirklich alles dabei. Der Ideale Moment also unsere lang geplante Rubrik "Allet ohne..." zu Beginnen, bei der wir wunderbar zu verschiedenen Themen, die uns zeitweise Beschäftigen etwas mehr schreiben werden. Aus unserer eigenen und ganz persönlichen Sicht. Wer also nicht gerne ein paar mehr Sätze liest, sollte die Rubrik überspringen, aber Ihr seid alle mehr als herzlich eingeladen, sie zu lesen und Euren Senf dazu zu geben!

Allet ohne "Substanz"

Das Interview, so kurz es auch ist, ließ mir vom ersten Ton an einen kalten Schauer über den Rücken laufen. Liegt es dabei an der völlig überzogenen Attitüde oder an der wirklich überaus nichtssagenden Antwort des Bengels? Gut, natürlich, er wird gefragt was er trägt - geht ja auch um Streetstyle, klar. Ich hätte auch keine Anekdote zum Besten gegeben, sondern z.B. wie Anne (direkt im Anschluß) einfach aufgezählt. Aber hallo? Von einer Hutdesignerin? Von einer Schmuckdesignerin? Bitte liebe Designer, hütet Euch dem Bengel jemals wieder etwas zu designen, wenn er nicht mal in der Lage ist Euch zu benennen. Nun ja, schieben wir das mal auf den jungendlichen Leichtsinn. Aber anschließend tatsächlich zu äußern "Schauspieler" und "Künstleragent" zog mir wirklich fast die Schuhe aus. Wie kann ein kleiner Bengel denn ein erfolgreicher (der Ton macht die Musik!) Schauspieler und Künstleragent mit seinen gerade mal 17 Jahren sein? Und zum Teufel, welche "Künstler" lassen sich bitte bei ihm unter Vertrag nehmen? Nun ja, oberflächlich nur abhaken und drüber lästern kann doch jeder. Also hab ich mal etwas recherchiert. Der Bengel ist 23 Jahre (doch keine 17 mehr, sorry) und seit 2004 "tätig" als Schauspieler und Model. Nun ja, sich so zu nennen ist jetzt keine schwierige Sachen wie wir alle wissen. Und sich (seiner Filmografie nach zu beurteilen) mit Rollen wie "Schüler" oder "Kellner" als Schauspieler zu bezeichnen finde ich jetzt schon ein klein wenig hoch gegriffen. Aber vielleicht ist dies auch nur meine Laienhafte Betrachtungsweise. Vielleicht erwarte ich auch einfach ein klein wenig viel. Ich meine, der Bengel is ja erst 23 Jahre alt. Und immerhin scheint er ja auch schon seit drei Jahren zu Arbeiten in anderen Künsterlagenturen. Dennoch ist mir dieser übertrieben affektierte Ton (vielleicht musst Du mal zum HNO-Artzt oder warum so nasal? Ach, ich weiß, Du magst den Karl Lagerfeld ja so gerne wie wir sehen können!), in dem gnadenlose Selbstüberschätzung mitschwingt, grundsätzlich ein unangebrachtes Ärgernis. Für mich zumindest. Und das bringt mich zu der Frage, warum generell sehr oft so junge Dinger solch eine Arroganz an den Tag legen - denn sind wir mal ehrlich, dies ist sicherlich kein Einzelfall. Ständig (und ganz besonders zur FashionWeek) trifft man junge Leute, die präsentieren sich, als hätten sie das Rad erfunden. "Ich bin Schauspieler", "Ich bin Modeblogger", "Ich bin wichtig" steht den Leuten auf der Stirn geschrieben, während sie mit aufgesetztem Mich-interessiert-das-alles-nicht-wirklich-Gesicht auf dem Bebelplatz und Veranstaltungen herumstolzieren. Verdammt, wie kommt Ihr denn auf die Idee, Euch das erlauben zu können? Ihr habt noch nix, aber auch gar nix in Eurem Leben erreicht. (Einzelfälle hier mal ausgeschlossen) Nein, es zählt nicht auf eine FashionShow oder eine Filmparty zu kommen. Nein, es ist auch nicht ausreichend irgendjemanden oberflächlich zu kennen, mit dem man sich ablichten lässt um irgendwo in den Klatschspalten zu landen. Und nein, nur weil Ihr denkt Ihr schreibt jetzt seit einem Jahr über Mode während Ihr noch zur Schule oder so geht, seid Ihr keine wichtigen Moderedakteurinnen. Meine Güte, lernt weiter, lest Bücher, bildet Euch weiter - dann wird das sogar vielleicht mal was. Aber bitte bitte, hört doch auf in Eurem Mikrokosmos zu leben und Euch für so wichtig zu halten. Selbstüberschätzung ist einfach kein angenehmer Charakterzug und verdammt, wollt Ihr wirklich so sein? Wenn ja, dann ist in meinen Augen eh alles zu spät. Da steckt einfach nicht viel bis gar nix dahinter, außer vielleicht warme Luft. Eines Tages platzt dann hoffentlich die Seifenblase und Ihr erschreckt wahrscheinlich vor der Welt. Denn lasst Euch eines gesagt sein - die meisten Leute, die es zu etwas gebracht haben, die haben Substanz und da ist überhaupt keine Arroganz und Selbstüberschätzung von Nöten. Natürlich gibt es Ausnahmen (nicht wahr Herr Michalsky?), die eine wirklich unangenehme Attitüde haben und trotzdem Karriere gemacht haben wie es sich andere nur wünschen. Dennoch, werden wir nicht damit groß, dass es schön ist nett zu sein und dass Bescheidenheit wahrlich eine Tugend ist? Das soll nicht bedeuten, dass man falsche Bescheidenheit an den Tag legen soll, aber etwas weniger Schaum und dafür vielleicht mehr an Relevanz und Gedankenreichtum haben noch nie geschadet. Klingt ein wenig wie das Wort zum Sonntag? Ist es auch - mein Wort zum Sonntag (schließlich sind wir hier ein privater Blog mit unserer privaten Meinung).



Und mein Fazit aus meiner kleinen Pöbelei:
Einmal, wie schön es ist, sich selbst und auch andere nicht ganz so ernst zu nehmen. Und dann die Erkenntnis, dass all diese sich selbst überschätzdenden Julian Stückels eines Tages hoffentlich erwachsen werden und mit ehrlichem Blick in den Speigel schauen. Ich glaube kaum, dass sie sich wirklich so gefallen. (Und am Rande: Julian, keiner, also wirklich NIEMAND glaubt Dir, dass Du für dein Styling nur 3 Minuten gebraucht hast. Allein dein MakeUp kostet nen Profi mehr Zeit. Aber sieh es sportlich - auch schlechte PR ist gute PR gell?))

PS: "Verdammt" scheint in dieser Ausgabe mein Lieblingswort gewesen zu sein. Das sagt schon einiges aus.

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